Inwärts,  Weltwärts

Leben in ethnobotanischer Verbindung. Meine Reise ins Amazonasgebiet und in neue Weltbilder.

Veröffentlicht in Tattva Viveka, erschienen am 1.9.2019

Originaltitel: Leben in ethnobotanischer Verbindung. Die Natur im Alltag spüren. Von: Dr. rer. medic. Sarah Moritz, Ethnobotanisches Institut

Hier ein Auszug aus dem Artikel. Wer wissen möchte, wie ich zur Ethnobotanik kam, ist hier goldrichtig 🙂

Eine Reise in das Amazonasbecken und in neue Weltbilder

Als ich mich innerhalb meines Ingenieurs-Studiums monatelang auf Forschungsreise in das Amazonastiefland begab, ahnte ich nicht, wie weit sich mein Weltbild ändern würde. Zu erleben, wie unmittelbar und eng die Menschen sich mit der Natur verwoben fühlten, sicher aufgehoben und behütet, reich versorgt mit Heilkraft – das war für mich sehr beeindruckend und legte einen der Grundsteine für mein Denken, Empfinden, Leben & Arbeiten bis heute. Mit der Absicht die Menschen und ihre Ansichten besser zu verstehen, legte ich damals vor Ort im schwül-warmen Regenwald Schritt für Schritt mein wissenschaftliches Denken ab und erfasste, dass das Lebensgefühl der Menschen eine geistige Grundlage hatte: das Bewusstsein darüber, dass jede Pflanzenart ihre jeweilige Energie innehat. Jedem Menschen steht es frei, den ‚espíritu‘ einer Pflanze um Hilfe zu bitten, z. B. bei persönlichem Unwohl-Sein.

Im Folgenden erläutere ich das pflanzenbezogene und heilkundliche Weltbild, das ich während meines Forschungsaufenthalts im Jahr 2006 im peruanischen und kolumbianischen Amazonasgebiet vorfand. Eng verknüpft sind die medizinethnologischen Schilderungen mit der Ethnobotanik an sich: mit menschlicher Nutzung von Pflanzen oder anders ausgedrückt: dem Zusammenleben von Mensch und Natur. Das Lebensgefühl der Zusammengehörigkeit und des Vernetzt-Seins fängt in uns selbst an und ist daher überall auf der Erde möglich: am besten im Alltag, zuhause, dort wo wir gerade leben.

Ethnobotanik & das Gucken über den Tellerrand…

Der Begriff Ethnobotanik steht für das interdisziplinäre Forschungsgebiet, das sich mit der Nutzung der Pflanzenwelt innerhalb kultureller Systeme befasst. Jenseits der konkreten „Nutzung“ (z. B. als Baumaterial, Nahrungsmittel, Färbemittel, Ritualpflanze, Arznei oder Faserpflanze) geht es insbesondere um das Denken über Pflanzen, um Naturwahrnehmung, allgemein um die Bedeutung der Pflanzenwelt für die Soziokultur. Anders ausgedrückt könnte man sagen, es geht um das Zusammenleben von Mensch und Natur auf der persönlichen wie auch der kulturellen Ebene. 

Das Spannende am Fach Ethnobotanik ist, dass es einen mehrschichtigen „Zugang“ gibt. Man kann Ethnobotanik als lehrbuchgetreue, objektive Wissenschaft betreiben. Oder aber man bewegt sich aus der Objektivität und „teilnehmenden Beobachtung“ heraus. Subjektive Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen in Bezug auf Natur und die Pflanzenwelt können – so die Erfahrungen in unserer Tätigkeit am Ethnobotanischen Institut – sehr heilsam, erfüllend und sinnstiftend sein. Das gilt für den Kontakt zu einzelnen Pflanzen und vor allem auch für das Empfinden, selbst Teil der Natur zu sein und in das Netzwerk der Natur eingebettet zu leben. Die Natur wurde beispielsweise auf Kupferstichen aus der frühen Neuzeit gerne als die „Säugmutter“ bezeichnet (siehe z. B. Robert Fludd, Utriusque Cosmi, Band I, Oppenheim, 1617, in Roob (2005), 153.). In indigenen Kulturen ist häufig von „madre naturaleza“ oder Mutter Natur / Mutter Erde die Rede. Die Frage ist, ob der eigene Kopf / die eigene Rationalität diesen gefühlsmäßigen Zugang erlaubt oder diesem im Wege steht.

Der Bezug Mensch & Pflanze

Mich als Ingenieur-Studentin, mitten im kopflastigen Studium, hat die Authentizität des Lebensgefühls der Dorfbewohner am Amazonas schlichtweg davon überzeugt, dass es einen Zugang zur Pflanzenwelt gibt, der mir bis dato nicht in dieser Form bewusst war. Schnell verstand ich, dass eine einzelne Pflanze gewissermaßen als „Kind“ einer viel größeren Energie, eines Pflanzen-‚espíritu‘ gesehen wird. Dieser sei mit all seinen „Kindern“ verbunden und pro Art gäbe es einen speziellen ‚espíritu‘ mit spezifischen Kräften bzw. mit einer speziellen energetischen Qualität. Der ‚curandero‘ (traditionelle Heiler) in dessen  Familie ich drei Monate lebte, hatte sich durch ‚dieta‘ (mehr dazu Kapitel „Ausbildungsweg zum ‚curandero‘) so weit geläutert und geöffnet, dass sich mächtige ‚espíritus‘ gewisser Bäume seiner annahmen. Jedes Mal, wenn er dies erleben durfte, hat der ‚espíritu‘ eines Baumes ihm ein Lied geschenkt, einen ‚icaro‘. Durch das Singen dieses Liedes ist die direkte Verbindung zur heilsamen Kraft der jeweiligen Baum-Energie hergestellt. Dies tut natürlich während Heil-Behandlungen gute Dienste, da hier durch den singenden ‚curandero‘ als Mittler ein Energiefluss zwischen dem Patienten und der heilsamen Kraft der jeweiligen Baumart hergestellt wird. Das Lied ist nur für denjenigen bestimmt, der es geschenkt bekommt. Kein anderer sollte es nachsingen, da die Energie womöglich zu stark sei und ggf. auch Schaden anrichten könne, wenn das „System“ des einzelnen nicht an einen derartigen Energiestrom gewöhnt sei.

Die üblichen Häuser auf Stelzen, mit Küchenecke, Hängemattenbereich und Schlafplätzen unter dem Dach.

Im Rahmen eines ASA-Stipendiums (InWEnt gGmbH, Berlin) war ich also ins Amazonasbecken gereist, um dem ‚curandero‘ dabei zu helfen, einen Medizinpflanzengarten anzulegen und die Pflanzen auch botanisch zu bestimmen. Doch der traditionelle Heiler sagte mir bereits in den ersten Tagen, dass er der Meinung sei, ich solle dringend eine ‚dieta‘ machen, um enger mit den Pflanzenenergien in Kontakt zu kommen. Nachdem ich vom Wald-Gelände des ‚curandero‘ schnell noch zu Fuß ins Dorf zurück gelaufen war (einige Stunden Fußmarsch), um vom Dorf-Internetcafé eine kurze Nachricht wegzuschicken, dass ich nun für einige Zeit nicht erreichbar wäre, trat ich diese ‚dieta‘ an: für 33 Tage bekam ich zweimal täglich in Wasser gegarte Kochbananen sowie in Bananenblättern gedämpften Fisch. Alles war völlig ungewürzt, da traditionell keinerlei Salz, Fett, Zucker, Körperreinigungsmittel (außer dem Fluss-Lehm) und lediglich Kontakt zu ausgewählten Personen erlaubt ist. Tatsächlich ändert sich die Wahrnehmung in dieser Zeit des Rückzugs in die Natur. Der eigene „Geist“ sitzt gewissermaßen nur sehr locker im Körper, viel offener und durchlässiger scheint die Seele, die „Erdung“ durch Salz, Fett oder Zucker fehlt. Nach vier Wochen erwartete ich jeden Tag das Herbeikommen des ‚curandero‘, der mit einem Teelöffel Salz das Ende der ‚dieta‘ einläuten würde. Schließlich war es dann soweit. Sofort nach der Salz-Einnahme war ich zu meiner großen Freude als „neuer Mensch“ wieder „zurück“ in meinem Körper, die Welt war wieder bunt, die Farben leuchteten stark, die Geschmäcker und Konsistenzen der Speisen im Mund waren für mich höchst erfreulich.  Ich war – bereichert durch tiefgehende Erlebnisse – wieder in der stofflich-sinnlichen Welt angekommen. (Vorsicht: eine derartige ‚dieta‘ kann nur in völliger Abgeschiedenheit der Natur durchgeführt werden und unter dem Schutz eines wahren ‚curandero‘, der genauestens im Blick hat, wie weit sich der ‚espíritu‘ des Menschen aus dessen Körper herausbewegt. )

Pflanzen und Alltagsleben

Die Regenzeit hatte begonnen und die Familie des ‚curandero‘ zog vom Waldgelände in ihr Haus im Dorf um. Schritt für Schritt stellte sich bei meinen Erkundungsspaziergängen heraus, dass jede Familie rund um ihr Heim Pflanzen anbaut, um sie für Tee, Auskochungen und Bäder zu nutzen. Der Dorf-Schreiner, von dem ich mir eine Pflanzen-Presse (Grundlage für mein Herbarium) bauen ließ, und seine bezaubernde Frau erzählten, dass sie gleichermaßen Heilmittel-Händler seien, denn fast alle von ihnen bevorrateten Hölzer würden voller Heilkräfte stecken. Es sei üblich, Hobelspäne bestimmter Holzarten oder Rinden (z. B. chuchuhuasi (Maytenus krukovii) oder abuta (Cissampelos pariera) auszukochen (z. B. für Waschungen im Wochenbett oder für Hautumschläge) oder auch als Stärkungsmittel in Honig einzulegen (inkl. leichter Gärung des Honigs). Der Gebrauch der verschiedensten Pflanzenarten war selbstverständlich und alltäglich. Vor allem aber überzeugte die Begeisterung über die Pflanzen und die Selbstverständlichkeit, mit der von Linderung ausgegangen wurde. Brachte ich das Gespräch auf schwerwiegende Symptome wie Tumore, Hepatitis-Symptome etc. – immer wurde eine Pflanzenart gezeigt, die genaue Anwendung beschrieben und über Symptomveränderungen berichtet. Vielmehr als die Wirkung der Pflanzenarten (in 27 Gesprächen waren es ca. 190 verschiedene) beeindruckt mich jedoch das Vertrauen in die Pflanzenwelt, das an den Tag gelegt wurde. Immer wieder hieß es: „Ach, Sarita, weißt du, wenn es einem nicht gut geht, dann wendest du dich einfach an die passende Pflanze. Du gehst zu ihr – bei manchen, besonders mächtigen muss man auch ein Geschenk mitbringen, wie zum Beispiel Tabak. Du gehst also zu dieser Pflanze und redest mit dem Pflanzengeist (‚espíritu‘) und bittest ihn um Heilung. Natürlich machst du dann auch die erforderlichen Zubereitungen, trinkst zum Beispiel die Auskochung, und du wirst sehen, wie es dir weiterhilft. Die Pflanzengeister sind sehr mächtige Wesen.“ Wenn ich das Gespräch darauf brachte, dass in Deutschland, wo ich herkäme, die Menschen eher glaubten, dass die Inhaltsstoffe für die Heilwirkung einer Pflanze verantwortlich seien, lachten die Menschen. Sie meinten, es sei ein Scherz. Selbstverständlich war für sie, dass für jegliche Heilung der ‚espíritu‘ der Pflanze, gewissermaßen die Kraft „hinter“ der Pflanze, verantwortlich sei. Diese Begebenheit wiederholte sich – in diesem Dorf wie auch auf meiner weiteren Reise im peruanischen und kolumbianischen Amazonasgebiet. Völlig unverständlich schien es, dass wir Deutschen mit all unseren Errungenschaften einem derart beschränkten Weltbild anhängen würden. Meist wurde schnell das Thema gewechselt. Ähnliches passierte auch, wenn ich das Gespräch auf das Thema „unheilbare Krankheiten“ brachte. Meist wurde erst mal nachgefragt, wie dies denn zu verstehen sei.  Dann ergab sich ein Gespräch darüber, dass es doch für alle, aber auch wirklich alle gesundheitlichen Belange mindestens eine Heilpflanze gäbe. Angst vor unheilbarer Krankheit oder auch vor dem Tod waren in keiner Weise zu spüren. Diese andere Weltsicht und das starke Vertrauen in die Pflanzen als beseelte Wesen – das beeindruckte mich zutiefst, spürte ich doch, wie sehr diese Sicht das Lebensgefühl beeinflusste.

Regenwald

Die Themen Gesundheit und Krankheit, die hier so eng mit der Pflanzenwelt verknüpft waren, interessierten mich sehr. Mit Anfang zwanzig war ich selbst mit der Diagnose einer anscheinend unheilbaren Darm-Krankheit konfrontiert worden, die ich zum damaligen Zeitpunkt dank strenger Vermeidung mancher Lebensmittel mehr recht als schlecht im Griff hatte. Umso interessanter waren für mich die diversen Aspekte, die sich um das Thema „Krankheit“ drehten.

Ein Ausflug in die Medizinethnologie

Das Erleben im Dorf rüttelte weiter an meinem Weltbild und dies nicht nur in Bezug auf das Thema der Pflanzenwahrnehmung:  ich hatte verstanden, dass die einzelne Pflanze gewissermaßen das „Kind“ einer viel größeren Energie, eines Pflanzen-‚espíritu‘ sei, der mit all seinen „Kindern“ verbunden sei und es pro Art einen speziellen ‚espíritu‘ mit spezifischen Kräften gäbe. Nun wurde auch meine Weltsicht in Bezug auf medizinische Aspekte einer Erweiterung unterzogen. Ich erlebte die Tatsache, dass alle medizinischen Systeme weltweit immer kulturgeprägt sind. „(J)ede Kultur und jede Gesellschaft [besitzt] eine ihre jeweils eigene Form der Deutung und Behandlung von Krankheit (…), die ihren Gültigkeitsbereich ebenso wie ihre Grenzen kennt. Es gilt noch hinzu zu fügen, daß jede Epoche, jede Kultur und jede Gesellschaft in der ihr jeweils eigenen Form der Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Natur die ihr spezifischen Formen von Krankheit produziert.“  (Diallo (1994), 1f).

Krankheitsbegriff

Schon in den ersten Tagen meines Aufenthaltes hatte ich die Erfahrung gemacht, dass der Begriff „Krankheit“ (spanisch ‚enfermedad‘) lediglich mit Malaria, Denguefieber… assoziiert wird, also mit Krankheiten, gegen die es vor Ort Impfkampagnen gibt. Ansonsten war immer die Rede von Befindlichkeiten. Meist wurde über die Heilpflanzen erzählt und währenddessen Symptome, bei denen die pflanzlichen Mittel einzusetzen seien, gleich mit genannt bzw. qualitativ beschrieben. Dass es die Kategorisierungen von Krankheit nicht gab, war für mich sehr spannend. Das Gebiet der Medizinethnologie (auch Ethnomedizin oder Medizinanthropologie) befasst sich nicht nur mit Therapieformen und Heilbehandlungen, sondern auch mit Sichtweisen und allen „Aspekte(n), die zu Krankheit, Kranksein, Heilen, Gesundheit und Wohlbefinden dazugehören“ (Greifeld (1995), 13.). Die Ethnobotanik, die mich interessierte und die ich zu dokumentieren versuchte, ging also nahtlos in medizinethnologische Fragen über. Die kulturelle Konstruktion von Krankheit und die Unterschiede zwischen den Kulturen bzgl. Vorstellungen und Ideen zu Körper, Geburt, Heranwachsen, Altwerden und Tod wurden mir sehr deutlich (vgl. Frankenberg et al. (1993) in Greifeld (1995), 19).

Río Amazonas

(hier fehlt ein Teil des Artikels, der in vollständiger Fassung am 1.9.2019 in der Zeitschrift Tattva Viveka erscheint)

Perspektiven hierzulande….

Wieder zurück im deutschen Alltag, stellte ich mir die Frage, ob es in unserer Kultur(geschichte) nicht auch Sichtweisen auf Natur gibt oder gab, die von einem geistigen Element der Pflanze ausgehen. In der abendländischen Kulturgeschichte geht etwa Paracelsus (1493-1541) vom „Licht der Natur“ aus (siehe z. B. Schipperges (1994)). Die Hl. Hildegard von Bingen (1098-1179) schreibt von „Grünkraft“ (viriditas) und noch dazu vom „Weltnetz“, das der Mensch in der Hand hält (Bonn (1999), 5). Über Generationen sei  er „mit Anlagen, Verhältnissen und Verhängnissen“ „in dieses Weltnetz verflochten“ und über das Weltnetz hält er die „Weltelemente“ in seiner Hand und ist mit allem verbunden (Ebd.). In der anthroposophischen Naturerkenntnis wird von der Pflanze als einem umgekehrten Menschen gesprochen und von den Naturreichen (Pflanze, Tier, Mineral), die sehr eng mit kosmischen bzw. planetarischen Energien verwoben wären.

Nachdem ich mit der ethnomedizinischen Feldforschung als Diplomarbeit 2007 mein Studium beendet hatte, beschloss ich, mich geistigen Sichtweisen auf die Natur in meiner Dissertation im Fach Medizinwissenschaften zu widmen. Letztlich lag das Thema dann bei der Alchemie und der zeitgenössischen spagyrischen Medizin (Moritz, S. (2012)). Parallel gärtnerte ich viel, lernte auch nach meinem Studium sehr viel in Theorie und Praxis über die heimische Pflanzenwelt und eröffnete schließlich mit meinem Mann im Jahre 2010 das Ethnobotanische Institut. Dies geschah auf einen Impuls von Dr. Wolf-Dieter Storl hin, der 2007 dankenswerterweise das Zweitgutachten zu meiner an der Universität eingereichten Diplomarbeit geschrieben hatte.

Meine Tätigkeit heute ist geprägt durch diesen meinen Werdegang und berührt verschiedene Bereiche, die alle mit ganz praktisch gelebter Pflanzen-Verbindung zu tun  haben:

Pflanzen als Lebensmittel

Das große Gebiet der alltäglichen Gewinnung von Nahrungsmitteln auf Basis der Pflanzenwelt wird oftmals eher als „selbstverständlich“ hingenommen, ist aber in Wahrheit ein riesiges Gebiet der Ethnobotanik, voller interessanter Vielfalt. Man denke an all die Formen von Subsistenzwirtschaft, die es weltweit gibt, an die Vielzahl der als Nahrungsmittel verwendbaren Pflanzen, an Anbauformen wie Agroforstsysteme, Fruchtfolgen, Mischkulturen, Waldgärten… Auch die zeitgenössische Permakultur, die erwachte Sehnsucht vieler Menschen nach Selbstversorgung und das erwachende Interesse für essbare Wildkräuter und ‚urban gardening‘ haben mit Ethnobotanik zu tun. Doch nicht nur die Anbauformen und gesellschaftlichen Hintergründe sind interessant, sondern auch die Gemüse selbst stecken  voller interessanter ethnobotanischer Geschichten. Ob die weit gereisten Neophyten wie Kartoffeln, Tomaten, Chili, Mais und Kürbis oder alt eingesessene Gemüse wie „Guter Heinrich“ und die ursprünglich von Mittelmeer-Küsten stammende Rote Bete wie auch die salz-tolerante Melde, die durch ihre Salzausscheidungsmöglichkeit nicht nur die zentralasiatischen Steppen, sondern auch die Autobahn-Mittelstreifen bevölkert… Sie alle stecken voller Geschichte und Geschichten (nachzulesen etwa bei Storl & Pfyl (2005)).

Heilsames Gärtnern – in Verbindung mit den Pflanzenkräften

Wer selbst gärtnert und seinen Geist öffnet, der lernt diese Gemüse-Wesen näher kennen, geht er doch gemeinsam mit ihnen Jahr für Jahr durch die Jahreszeiten. Ihre Bedürfnisse, ihre Geschmäcker, aber auch ihre Ausstrahlung wird einem Mosaikstein für Mosaikstein geläufiger. Wer schon einmal in einem Kohl-Feld mitten im Sommer gejätet hat, eintönig vor sich hin arbeitend, der wird vielleicht auf einmal der kühlenden Ausstrahlung dieser silbrig-mondhaften Wesen (auch eine Spur „Mars“ ist durch die enthaltenen Senföle und deren abwehrkräfte-steigernde Wirkung mit von der Partie). gewahr geworden sein. Tatsächlich öffnet sich der Raum für unsere Empfindungen und höhere Einsichten vor allem dann, wenn der Kopf durch die mechanische Tätigkeit ein bisschen beschäftigt ist und Raum für Inspiration entsteht.

Signaturen oder „das individuelle Pflanzen-Mosaik“

Die Auseinandersetzung mit den Planetenprinzipien, die in unserer Kulturgeschichte etwa in der Frühen Neuzeit eine Rolle spielten, verhalf mir, Pflanzen-Eigenschaften eher qualitativ in ihrer Wirkung auf das eigene Empfinden und Erleben umschreiben zu können – mal ohne sich zu quantitativen Aussagen hinreißen zu lassen, wie sie in unserer heutigen Welt so geläufig sind. Aber natürlich lassen sich weder Pflanzen noch Menschen vollständig in Planeten-Prinzipien pressen.

Ich verstehe das Pflanzen-Verständnis vielmehr als ein wachsendes, lebendes Mosaik im eigenen Bewusstsein: wenn wir eine neue Pflanze kennenlernen oder ihr gewahr werden, geschieht dies in einer bestimmten Situation. Bereits dies ist ein Mosaikstein. Weitere Mosaiksteine kommen hinzu: der Name der Pflanze, Standort, Aussehen, Farben, Formen, Texturen, Erlebnisse mit der Pflanze, angelesenes Wissen, persönliche Erfahrungen in der Anwendung der Pflanze. Eventuell lernen wir weitere Volksnamen der Pflanzen kennen, die oft sehr aussagekräftig und bildhaft sind (Beispiel: ‚Bettseicher‘ oder ‚pissenlit‘ für den u. a. harntreibenden Löwenzahn). Manchmal tauchen bestimmte Pflanzen auch in Märchen, Sagen und Legenden auf oder sie haben eine bestimmte Rolle im Jahreskreis (z. B. die Gundelrebe in der Walpurgisnacht etc.). All dies sind für mich Mosaiksteine im individuellen Pflanzen-Mosaik, das ein Mensch gewissermaßen in sich trägt und das sich permanent um weitere Erlebnisse, Erfahrungen und Wissensaspekte erweitert. Ganz wichtig ist also, sich wertfrei dem Erleben und mehr den qualitativen Dingen zu öffnen, denn in Erwartung quantitativ messbarer Belange zu sein. Dies gilt ganz besonders für die Pflanzenmeditation.

Eine Anleitung zur Pflanzenmeditation

Pflanzenmeditation bedeutet für mich, in Verbindung zu sein. Zunächst mit sich selbst: dem eigenen Körper gewahr zu sein, mit all der womöglich vorhandenen Anspannung und ggf. auch Unwohl-Gefühlen, einfach anzukommen und mal nichts ändern zu wollen. Vielen Menschen hilft es, sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren, der Sitzunterlage bewusst nachzuspüren, um immer mehr im Körper und im Hier & Jetzt anzukommen. Dann kann als nächster Schritt die Zuwendung zur jeweiligen Pflanze geschehen: ein Sich-Öffnen, vielleicht einhergehend mit der Bitte um Kontakt. Letztlich gilt es, das eigene Wahrnehmungsfenster bewusst zu öffnen und dabei kann solch eine Bitte helfen. Manchen Menschen hilft das Bild, das Wesen der Pflanze bewusst für eine Zeitlang zu atmen. Auch das Bild, dass sich die Pflanze in ihrem jeweiligen Licht oder in ihrem Wesen gewissermaßen im Becken der eigenen Seele spiegelt, kann für den Kontakt hilfreich sein. Viele Menschen werden der Aspekte der Pflanze (Qualitäten, Heil-, Giftwirkung etc.) durch Körperempfindung und durch aufkeimende Gefühle gewahr. Diesen innerlich zu folgen ist die Kunst. Empfehlenswert ist es, für den Zeitraum der Pflanzenmeditation einen Wecker zu stellen, so dass der Zeitrahmen von vornherein klar umrissen ist.

Das persönliche Wohlergehen und die Verbindung mit der Heilkraft der Natur

Was bringt solch eine Annäherung an „Natur“, was diese Art des Pflanzenkontaktes? Nun, die Antwort ist sicherlich immer eine sehr persönliche. Festzuhalten bleibt, dass eine Art Verankerung des Menschen sowohl in seiner eigenen inneren Natur zu beobachten ist, wie auch in der äußeren Natur. Vielleicht könnte man sagen, dass der Mensch sich vom Netzwerk der Natur (und er ist ja auch ein Teil der Natur) getragen fühlt, nicht getrennt, sondern verbunden mit sich und verbunden mit heilkräftigen Aspekten der Natur. Es passiert gewissermaßen eine Öffnung für das Sein, für das Ankommen und das Gerne-auf-dieser-Welt-leben. 

Verbunden mit dem Wohlgefühl, vom großen, unerklärlichen Netzwerk getragen zu sein, ist auch das Erwachen des Bewusstseins für die Natur und ihre Belange. Man wird nur das schützen, was man kennt und liebt. Und so hat auch Michel Odent (z. B. Odent (2016), Odent (2017), ein betagter Wissenschaftler, der seit den 1960er Jahren sehr viel für die natürliche Geburtshilfe und das selbstbestimmte Gebären getan hat, folgendes beschrieben: die Art, wie jemand geboren wird und den frühen Mutter-Kontakt erlebt, wirkt sich immer auch auf die Art und Weise aus, ob und wie jemand sich später mit dem eigenen Körper verbunden fühlt, aber auch die Natur liebt. In der Hinsicht sieht es leider an vielen Stellen der Erde nicht so gut aus, denn das natürliche Gebären sieht sich heute mit einigen Hindernissen konfrontiert (Beispielsweise gibt es Länder wie Brasilien, die eine Kaiserschnittrate von über 90% haben (viele davon vorzeitiger Kaiserschnitt aus kosmetischen Gründen). Doch andererseits machen sich immer mehr Menschen auf den Weg, sich selbst und ihre inneren Werte anzuerkennen und ein Leben in Harmonie und Naturverbundenheit zu führen. Viele dieser Menschen spüren eine tiefe innere Sehnsucht nach Rückverbindung zur Ursprünglichkeit und Natur. Da wir niemals getrennt sind von Pflanzen und ihren Energien, liegt es am eigenen Bewusstsein, ob wir beispielsweise „nur essen“ oder uns mit den dahinter stehenden Pflanzenenergien verbinden, ganz einfach und ohne großes Aufhebens. Ethnobotanik lässt sich im Alltag leben, im Laufe der Jahreszeiten mit diversen Pflanzen erproben und stärkt in jedem Falle das Gefühl der Zugehörigkeit zum Netzwerk der Natur.

Literaturverzeichnis

Bonn, C. (1999): Der Mensch in der Entscheidung. Gedanken zur ganzheitlichen Schau Hildegards von Bingen. 4. Auflage. Abtei St. Hildegard, Rüdesheim am Rhein.

Diallo, t. (1995): Vorwort in Pfleiderer B., Greifeld, K., & Bichmann, W. (1995): Ritual und Heilung. Eine Einführung in die Ethnomedizin. Reimer Verlag, Berlin.

Greifeld, K., (1995): Einführung in die Medizinethnologie. In: Pfleiderer B., Greifeld, K., & Bichmann, W. (1995): Ritual und Heilung. Eine Einführung in die Ethnomedizin. Reimer Verlag, Berlin.

Knipper, M. (2001): Mal aire und die medizinische Praxis der Naporuna am Unteren Río Napo im Amazonastiefland von Ecuador. Dissertation, Medizinische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn.

Pfeiffer, S. (2007): Der Geist der Pflanze heilt. Eine sozialempirische Studie zur Sichtweise von Krankheit, Heilung und der Pflanzenwelt im peruanischen und kolumbianischen Amazonasgebiet. Betreuung: Dr. Klaus Wagner. Zweitgutachter: Dr. Wolf-Dieter Storl. Studienfakultät für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung der Technischen Universität München.

Pfleiderer , B. (1993): Medizinanthropologie: Herkunft, Aufgaben und Ziele. In: Schweizer, T., Schweizer, M. & Kokot, W. (Hrsg.) (1993): Handbuch der Ethnologie. Dietrich Reimer Verlag, Berlin. S. 345-374.

Moritz, S. (2012): Alchemie und zeitgenössische Spagyrik. Eine historische, medizin- und sozialwissenschaftliche Untersuchung. Dissertation, Medizinische Fakultät der Universität Witten/Herdecke.

Odent, Michel (2016 ): Geburt und Stillen. Über die Natur elementarer Erfahrungen. 5. Auflage. Beck Verlag, München.

Odent, Michel (2017 ): Im Einklang mit der Natur. Neue Ansätze der sanften Geburt. 3. Auflage. Mabuse Verlag, Frankfurt.

Roob, A. (2005): Alchemie & Mystik. Das hermetische Kabinett. Taschen Verlag, Köln.

Rösing, I. (1990): Abwehr und Verderben: Die schwarze Heilung. Nächtliche Heilungsrituale in den Hochanden Boliviens. Reihe Mundo Ankari, Bd. 3. Zweitausendeins, Frankfurt/Main.   

Schipperges, H. (1994): Vom Geist der Natur bei Paracelsus. In: Gesnerus: 6-19.

Storl, W.-D. & Pfyl P. S. (2005): Bekannte und vergessene Gemüse. Heilkunde, Ethnobotanik, Rezepte. 2. Auflage. AT Verlag, Aarau (Schweiz).

Storl, W.-D. (2006): Pflanzendevas. Die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen. Mit praktischen Anleitungen zu Pflanzenmeditationen. AT Verlag, Aarau (Schweiz).


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